REGENERATIVE PARODONTALTHERAPIE

„Niemand möchte mit vorgehaltener Hand lächeln müssen“

Dr. Frank Bröseler · Germany
 · July 08, 2021

Dr. Frank Bröseler arbeitet seit 20 Jahren sehr erfolgreich mit der regenerativen Parodontaltherapie und hat untersucht, was Patientinnen und Patienten dabei wirklich wichtig ist.

Dr. Bröseler, Sie haben eine retrospektive Studie zur regenerativen Parodontaltherapie mit einer großen alltäglichen Patientenpopulation veröffentlicht.1 Was wollten Sie herausfinden?

Dr. Bröseler: Uns hat interessiert, ob sich die sehr guten Ergebnisse aus den bekannten prospektiven Studien2,3 in einem normalen Praxisumfeld bestätigen lassen. In prospektiven Studien werden ja ausgewählte Patienten behandelt – Patienten ohne größere gesundheitliche Probleme, mit guter Compliance, Nichtraucher. Aber wie sieht der Therapieerfolg aus, wenn man Krethi und Plethi behandelt? Wenn manche Patienten an Diabetes leiden oder die Mundhygiene nicht optimal ist?

 

Und was haben Sie herausgefunden?

Dr. Bröseler: Wir haben 1008 Zähne in 176 Patienten über zehn Jahre analysiert. Alle Patienten wurden nach unserem Standardalgorithmus (Abb. 1) behandelt. Trotz der beschriebenen Beeinträchtigungen in einem normalen Patientenkollektiv hatten wir denselben Behandlungserfolg wie in prospektiven Studien. Nach einem Jahr zeigten die Röntgenaufnahmen eine Knochenfüllung von 3,8 mm, die bis zu zehn Jahre lang stabil blieb. Dies ist mit dem Knochengewinn bei alleiniger offener Kürettage von rund 0,95 mm vergleichbar.4 Bei tiefen Defekten wurde ein höherer Knochengewinn erzielt und die Sondierungstiefen der Taschen waren signifikant verringert und blieben über den Beobachtungszeitraum gering.

Manche Zahnärzte finden die regenerative Parodontaltherapie zu wenig vorhersagbar. Diesen Eindruck können Sie nicht bestätigen?

Dr. Bröseler: Gar nicht. Unsere Studie mit einer großen Patientenpopulation zeigt ja gerade, dass die Therapie vorhersagbar ist. Man muss das richtige Vorgehen allerdings lernen. Jungen Zahnärzten fehlt oft noch die chirurgische Ausbildung, und diese muss in vielen Kursen aufgeholt werden. Das verlangt den jungen Zahnärzten etwas ab, aber ohne eine sehr gute Ausbildung geht es nicht.

 

Sie haben auch untersucht, wie Patientinnen und Patienten das Ergebnis der Parodontaltherapie beurteilen.5 Welcher Faktor war für die Zufriedenheit am wichtigsten? 

Dr. Bröseler: Man muss sich vor Augen führen: Die Patienten kommen zu uns, weil sie Beschwerden haben, zum Beispiel blutendes Zahnfleisch, einen schlechten Geschmack im Mund oder lockere Zähne. Sie bitten uns nicht darum, „ihre Knochendefekte aufzufüllen“. Sie möchten einfach nur wieder gesund werden. Sogar eine kleine Beeinträchtigung der Ästhetik wird dafür in Kauf genommen.

 

Die Ästhetik spielt keine große Rolle?

Dr. Bröseler: Zumindest nicht die Hauptrolle. Aber je nach Patientin oder Patient kann sie trotzdem sehr wichtig sein. Alle Menschen möchten unbeschwert lachen können. Niemand möchte sein Lächeln verstecken. Und mit der regenerativen Parodontologie lässt sich ja dieses gute ästhetische Ergebnis auch erreichen. Oder sagen wir lieber, die regenerative Parodontologie ist ein erster Schritt in Richtung auf ein sehr gutes ästhetisches Ergebnis, weil bei hohen ästhetischen Ansprüchen wahrscheinlich weitere Maßnahmen, wie etwa der plastischen Weichgewebechirurgie oder der Kieferchirurgie, erforderlich sein können.

 

In Ihrer Veröffentlichung waren die Patientinnen und Patienten nach der regenerativen Therapie im Vergleich zum Scaling und Root planing oder der offenen Kürettage zufriedener.5 Warum?

Dr. Bröseler: Sie spürten, dass sie aus einer sehr schwierigen Situation heraus einen sehr guten Behandlungserfolg erzielt hatten.

Scaling und Root planing (SRP) ist zwar einfacher durchzuführen, aber er kommt wesentlich häufiger zu Rezidiven als bei regenerativer Therapie. Beim Open Flap Debridement (OFD) zieht sich auf jeden Fall das Zahnfleisch zurück. Die Folge sind empfindliche Zahnhälse, eine schlechtere Ästhetik und eine schwierigere Mundhygiene wegen der größeren Nischen zwischen den Zähnen. All das macht die Patienten unzufrieden.

 

Die Patientinnen und Patienten müssen sich viele Jahre lang streng an die Therapie halten. Gibt es einen kritischen Punkt, ab dem die Motivation sinkt und die Patientinnen und Patienten neu motiviert werden müssen?

Dr. Bröseler: Nach etwa drei Jahren ist der Prozess der Regeneration abgeschlossen, man hat einen neuen Status quo erreicht und verlängert das Recall-Intervall. Jetzt besteht die Gefahr, dass die Patienten zu selbstsicher und optimistisch werden. Parodontitis ist eben leider eine chronische Erkrankung und bedarf einer hohen Compliance und sehr guten Mundhygiene ein Leben lang. Wir müssen sie dann daran erinnern, dass eine Parodontitis eine chronische Erkrankung ist, die eine lebenslange hohe Therapietreue und sehr gute Mundhygiene erfordert.

 

Wie gehen Sie konkret vor, um die Patienten wieder zu motivieren?

Dr. Bröseler: Nach fünf Jahren machen wir einen Röntgenstatus und diskutieren ihn sehr intensiv mit den Patienten. Wir zeigen auf, was alles erreicht wurde und motivieren erneut. Wir veranschaulichen den Status ihrer Zähne mit einem Ampelbild. Wir heben hervor, was erreicht wurde, sprechen aber auch über Erkenntnisse der Forschung in Bezug auf die Rückfallraten. Wir sagen unseren Patientinnen und Patienten ganz deutlich: „Sie können sich jetzt nicht zurücklehnen und die Hände in den Schoß legen.“

 

Ist es den Patienten ein Anliegen, Zähne zu erhalten?

Dr. Bröseler: Die meisten schon. Natürliche Zähne haben viele Vorteile. Mit natürlichen Zähnen ist das Kauen leichter, und natürliche Zähne sind nicht so anfällig für Infektionen wie Implantate.

Die Prognose eines Implantats liegt bei etwa 12 Jahren.6 Solange können wir auch einen Zahn erhalten, wahrscheinlich eher länger.

Deshalb ist die regenerative Parodontaltherapie zwar aufwändig, aber sie ist immer kostengünstiger als ein Implantat. Die Werbung in der Implantologie ist allerdings sehr stark – Patienten glauben, Implantate halten ewig.

 

Folgen die Patientinnen und Patienten Ihren Empfehlungen?

Dr. Bröseler: In der Regel ja. Wenn etwas finanziell nicht möglich sein sollte, muss man eben die Ziele anpassen. Dann entscheiden wir uns vielleicht für eine gesunde Situation mit einer etwas schlechteren Ästhetik.

Wenn ein Patient oder eine Patientin sehr hohe Ansprüche erhebt, folgt auf die Parodontaltherapie noch eine Kieferorthopädie. Der Grund ist, dass parodontale Erkrankungen mit einer Dislokation der Zähne einhergehen. Die richtige Zahnposition wiederherzustellen und wieder für eine natürliche Anatomie inklusive Papillen zu sorgen ist die beste Rezidiv-Prävention. Wo eine Papille ist, kommt Plaque nicht rein. Die Ergebnisse sind wunderbar, aber dadurch kommen nach meiner Behandlung nochmals 4000-5000 Euro dazu.

 

Ihr eigener Behandlungsalgorithmus beruht nicht nur auf wissenschaftlichen Daten, sondern auch auf einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Wie lange arbeiten Sie schon mit diesem Algorithmus?

Dr. Bröseler: Der Algorithmus hat sich seit vielen Jahren nicht verändert. Ich plane eine Therapie ausschließlich nach medizinischen Kriterien und darauf basierend wird der Kostenplan aufgestellt. Ich habe noch nie profitorientiert gearbeitet. Der Profit steckt eher darin, dass ein sehr zufriedener Patient die Praxis weiterempfiehlt.

 

Referenzen

  1. Bröseler F, et al.: J Clin Periodontol 2017; 44 : 520-9. (clinical study)
  2. Cortelini P & Tonetti MS.: Periodontol 2000 2015; 68(1): 282-307. (systematic review)
  3. Sculean A, et al.: Periodontol 2000 2015; 68(1): 182-216. (systematic review)
  4. Graziani F, et al.: J Clin Periodontol 2012; 39(2): 145-56. (systematic review)
  5. Franke M, et al.: Oral Health Prev Dent 2015; 13: 163-8. (clinical study)
  6. Derks J, et al.: J Dent Res 2016; 95(1): 43-9. (clinical study)

Über den Autor

Dr. Frank Bröseler | Germany

Privatpraxis für Parodontologie
Aachen