Interview

There is hope for hopeless teeth!

Verena Vermeulen · Schweiz
 · May 12, 2021

In den letzten 20 Jahren hat Dr. Pierpaolo Cortellini gezeigt, dass ein „hoffnungsloser“ Zahn nicht immer hoffnungslos verloren ist. Wir haben mit ihm über langfristige Ergebnisse, Kosteneffizienz, begründete Annahmen und Erwartungen gesprochen.

Dr. Cortellini, in Ihrer beruflichen Laufbahn haben Sie viele so genannte „hoffnungslose“ Zähne gerettet – hat der Ausdruck „hoffnungsloser Zahn“ überhaupt noch eine Bedeutung für Sie?

Dr. Cortellini (lächelt): Naja, was als hoffnungslos angesehen wird, hängt ja nicht nur vom Zustand des Zahns selbst ab, sondern auch von der Behandlung, die man anbieten kann. Zähne, die vor einigen Jahren noch als hoffnungslos gegolten hätten, sind dies heute nicht mehr. Im Laufe der Zeit wurden immer bessere therapeutische Lösungen entwickelt. Eine horizontale 360-Grad-Zerstörung des Knochens bis zur Wurzelspitze wäre für mich allerdings immer noch ein hoffnungsloser Zahn.

 

Manche sagen, dass das „Pendel zurückgeschwungen“ und das Ziel nun sei, die Zähne zu retten, statt sie zu ersetzen. Sehen Sie diese Entwicklung genauso?

Dr. Cortellini: Ja. Die Gründe dafür sind zum Beispiel wirtschaftlicher Natur. Wir haben gerade eine Arbeit veröffentlicht, die zeigt, dass die Rettung schwer geschädigter Zähne weniger teuer als deren Ersatz ist – und zwar sowohl kurzfristig als auch auf lange Sicht.1, 2 Wenn sehr viel Knochen zerstört ist und eine Knochen- und Weichgewebeaugmentation erforderlich wäre, um ein Implantat einsetzen zu können, könnten die Kosten für den Ersatz des Zahns das Doppelte der Kosten für die Rettung des vorhandenen Zahns betragen.

Es gibt auch noch andere Gründe, aus denen Patientinnen und Patienten es vorziehen, ihre eigenen Zähne zu behalten. Einige finden es ganzheitlicher und „natürlicher“. Andere haben gehört, dass es zu einer Periimplantitis kommen könnte – und diese Bedenken sind durchaus berechtigt. Bei parodontal beeinträchtigten Patientinnen und Patienten besteht ein hohes Risiko für eine Periimplantitis.

 

Gute Nachrichten für Parodontologen?

Dr. Cortellini: Die Nachfrage durch die Patientinnen und Patienten ist zwar gestiegen, das Fachwissen der Behandelnden nimmt jedoch immer mehr ab. Einige wenige Fachleute und Wissenschaftlerinnen könnten das parodontologische Fachwissen wieder mehr in den Fokus rücken, das wäre sicherlich vorteilhaft.

 

Sie haben eine randomisierte klinische Studie mit so genannten hoffnungslosen Zähnen durchgeführt. 25 hoffnungslose Zähne wurden durch Implantate ersetzt und 25 hoffnungslose Zähne wurden mit einem regenerativen Ansatz behandelt. Wie viele dieser Zähne haben überlebt?

Dr. Cortellini: 23 von 25. Die Zähne, die überlebt haben, waren Zähne mit chronischen Perio-Endo-Läsionen und/oder Attachmentverlust bis zur Wurzelspitze oder darüber hinaus. Nach 5 Jahren änderten wir ihre Prognose von „hoffnungslos“ in „gut“. Im Laufe des zehnjährigen Beobachtungszeitraums verließen einige Patientinnen und Patienten die Studie und ein Zahn ging verloren.1, 2

 

Nur einer?

Dr. Cortellini (lächelt): Ja. Es war der Zahn einer Großmutter, der ihr von ihrem Enkelkind beim Strampeln ausgeschlagen wurde. Sie verlor drei Zähne, von denen einer Teil unserer Studie war.

 

Könnte dieser hohe Prozentsatz von geretteten „hoffnungslosen“ Zähnen auch in anderen zahnärztlichen Praxen erreicht werden? Oder ermöglicht Ihre eigene Erfahrung mit GTR-Verfahren bessere Prognosen?

Dr. Cortellini: Wichtig sind mehrere Faktoren: Sicherlich das Fachwissen, aber auch ein interdisziplinäres Team aus Endodontologinnen, Dentalhygienikern, Parodontologinnen und Prothetikern. Der wichtigste Faktor ist jedoch die Auswahl geeigneter Patientinnen und Patienten. Bei einem Patienten mit schlechter Mundhygiene, Rauchern oder Patientinnen mit schlecht eingestelltem Diabetes können Sie keine vorhersagbare Lösung erzielen. Zur Auswahl von geeigneten Patientinnen und Patienten gehört auch die Auswahl von geeigneten Defekten – vertikalen Knochendefekten bis zu einer bestimmten Tiefe neben einem stabilen Zahn. Letzteres ist ebenfalls wichtig. Wenn wir die Zahnmobilität nicht steuern können, können wir keinen Knochen regenerieren.

 

Haben Sie Unterschiede bei der Zufriedenheit von Patientinnen und Patienten festgestellt, deren Zähne sie gerettet haben, im Vergleich zu denjenigen, deren Zähne Sie ersetzt haben?

Dr. Cortellini: Die von den Patientinnen und Patienten berichteten Ergebnisse in Bezug auf Gesundheit, Ästhetik und Funktion waren in beiden Gruppen ähnlich. Die Patientinnen und Patienten, deren Zähne wir gerettet hatten, waren jedoch zufriedener. Die meisten, denen wir Implantate eingesetzt hatten, sagten, dass sie lieber ihre eigenen Zähne behalten hätten.

 

Sie haben jedoch nicht nur das Retten und Ersetzen von hoffnungslosen Zähnen verglichen, sondern auch unterschiedliche Behandlungsansätze – zum Beispiel offene Kürettage im Vergleich zur regenerativen Parodontaltherapie.3 Was hat dieser Vergleich ergeben?

Dr. Cortellini: Über den Beobachtungszeitraum von zwanzig Jahren haben wir bei der offenen Kürettage zwei Zähne verloren, in der Regenerationsgruppe keine. Offene Kürettage bedeutet, dass die Wurzeloberflächen nach der Lappenanhebung gereinigt werden, das Periost jedoch nicht regeneriert wird.

Daher wiesen die Zähne in der Gruppe der offenen Kürettage nach der Behandlung tiefere Resttaschen auf und der Gewinn an klinischem Attachment war kleiner. Wir haben nur 2,5 mm gemessen; im Vergleich dazu betrug der Gewinn in der Regenerationsgruppe 5,3 mm. Es war also schwieriger, diese Zähne zu erhalten.

 

Wie sieht es mit den Behandlungskosten aus – welcher Ansatz zahlt sich auf lange Sicht aus?

Dr. Cortellini: Wir haben auch die Behandlungskosten über einen Zeitraum von 20 Jahren analysiert.3 Im Vergleich zur offenen Kürettage ist der regenerative Ansatz anfänglich sicherlich teurer. Wenn man jedoch die Kosten über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachtet, ist die offene Kürettage der teurere Ansatz – weil Rezidive behandelt werden müssen.

 

Sie haben zusammen mit Maurizio Tonetti einen Algorithmus für die Vorgehensweise in verschiedenen Situationen entwickelt. Welche Behandlungen und Materialien sind darin enthalten?

Dr. Cortellini: Der Algorithmus enthält die offene Kürettage, Knochenersatzmaterialien, resorbierbare Membranen, formstabile Membranen und Schmelz-Matrix-Proteine. 1994 haben wir die erste Version des Algorithmus veröffentlicht, den wir im Laufe der Zeit leicht modifiziert haben. Die aktuellste Version ist in einem Buch der italienischen Gesellschaft für Parodontologie enthalten (Abb. 1). Im Grunde ist dies – abhängig von der Anatomie und der Defektkonfiguration – nach wie vor mein Behandlungsspektrum.

 

Wie würde ein Durchbruch bei der regenerativen Therapie für Zähne aussehen? Oder ist kein weiterer Durchbruch mehr nötig?

Dr. Cortellini: Die Möglichkeit der Regeneration der parodontalen Stütze bei horizontalen Defekten wäre sicherlich ein Durchbruch. Wir verfügen noch nicht über das Fachwissen zur Behandlung von Null-Wand-Defekten oder so genannten horizontalen 360-Grad-Defekten. Diese Defekte müssen wir einfach so hinnehmen. Jeder, der eine klinisch anwendbare Lösung für dieses Problem anbieten könnte, würde einen riesigen Markt dafür vorfinden.

 

Letzte Frage: Würden Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen darin bestärken, mehr Zähne zu retten, anstatt sie zu ersetzen?

Dr. Cortellini: Auf jeden Fall. Seit dem Beginn meiner klinischen Tätigkeit und Forschungsarbeit bin ich vollkommen davon überzeugt. Mittlerweile erhält die Idee, Zähne zu retten, anstatt sie zu ersetzen, wieder mehr Aufmerksamkeit.

Zahnärztinnen und Zahnärzte, die noch zögern, Zähne zu retten, haben also zwei Möglichkeiten: Die Patientinnen und Patienten zu jemandem zu schicken, der oder die sich mit der Rettung von Zähnen auskennt, oder sich selbst das Fachwissen anzueignen.

Über den Autor

Verena Vermeulen | Schweiz

Manager Medical Communications
Geistlich Pharma